Entwicklungsprozesse

Andrea Gillhuber,

Kollaboratives Engineering

Unternehmenskooperationen entlang der Wertschöpfungskette sind kein neuer Trend. Motiviert durch den Zugang zu neuen Technologien, die Reduktion von Kosten und Risiken oder wettbewerbsstrategische Vorteile haben sie mit der Kollaboration aber eine neue Qualität erreicht: Im Gegensatz zur Kooperation lassen sich Aufgaben nicht mehr aufteilen oder abgrenzen, so dass sich die Interaktion der Akteure sehr komplex gestalten kann. 

© Shutterstock / Rawpixel.com

Die Digitalisierung eröffnet der Kollaboration neue Optionen. Das gilt auch für den Engineering-Prozess, eine Schlüsselfunktion für den wirtschaftlichen Erfolg von Produkten, Verfahren und Dienstleistungen. Ein solches arbeitsteiliges Agieren, das sich im Bereich der F&E vielfach bewährt hat, wird jetzt in die wettbewerbliche Phase der Wertschöpfung übertragen.

Diese Form der Zusammenarbeit wirft allerdings viele Fragen auf, die schon im Vorfeld neu gedacht und dann einvernehmlich und vertraglich geregelt werden müssen. Beschrieben werden sie in der Studie „Kollaboratives Engineering | Grundzüge und Herausforderungen der unternehmensübergreifenden Zusammenarbeit beim Engineering von Produkten und begleitenden Services“, die die Begleitforschung des vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) geförderten Technologieprogramms PAiCE erarbeitet hat. Die Studie beruht auf Einzel- und Gruppeninterviews mit über 30 Experten aus Industrie und Forschung.

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Für wen ist kollaboratives Engineering attraktiv?

Die kollaborative Entwicklung ist insbesondere für die Anbieter interessant, deren Produkte hohe Anforderungen in Bezug auf technische Qualität, Vernetzung, Langlebigkeit, Wartbarkeit und Erweiterbarkeit beziehungsweise Rekonfigurierbarkeit erfüllen müssen oder die damit verbundene Dienstleistungen anbieten. Als Branchen seien hier beispielhaft der Maschinen- und Anlagenbau sowie die Medizintechnik oder Luftfahrtindustrie einschließlich Zulieferbranchen genannt.

Eine besondere Rolle spielt das kollaborative Engineering bei der Implementierung von neuen oder erst zukünftig zu implementierenden Geschäftsmodellen und Services, die in den Engineering-Phasen mitgedacht werden müssen. Gerade die stark mittelständisch geprägte deutsche Industrie hat damit die Chance, ihre speziellen Kompetenzen in den globalen Märkten besser zu positionieren beziehungsweise in komplexen Produkt-Service-Systemen zu implementieren.

Wo liegen die Risiken und wie lassen sie sich ausräumen?

Die technischen Herausforderungen sind zwar bei weitem noch nicht alle gelöst, aber sie lassen sich gut beschreiben und dadurch einplanen: Dazu gehören unter anderem unternehmensübergreifende Vernetzungsarchitekturen und geeignete Datenaustauschformate oder auch die Datenkonsistenz bei Latenzeffekten. Die größere Bedeutung, wenn nicht gar die Schlüsselrolle, kommt deshalb den nicht-technischen Fragestellungen zu – besonders auf globalen (nicht-europäischen) Märkten. Sie können über den wirtschaftlichen Erfolg oder Misserfolg entscheiden. Dazu gehören Aspekte wie die Dokumentation und der Schutz von Vergütungsansprüchen sowie Urheberrechten im internationalen Rechtsraum. Es besteht noch keine klare Vorstellung darüber, welche rechtlichen Anforderungen zu beachten sind. Ein Grund dafür ist die derzeit noch uneinheitliche internationale Rechtsprechung: Haftung und Datenschutz sind national geregelt und bis jetzt wenig internationalisiert – woraus besondere Risiken im Exportgeschäft entstehen können. Um nachhaltig erfolgreich kollaborieren zu können, müssen die Unternehmen im Vorfeld klare Entwicklungsziele formulieren und vor allem den Aufwand richtig einschätzen, der mit der Initiierung und Planung der Kollaboration verbunden ist. Das ist umso wichtiger, als dass sich dieser als eine der größten Hürden erweisen kann. Schon im Vorfeld muss festgelegt werden, wem das innerhalb der Kollaboration gewonnene Wissen gehört: Eine Blaupause für den Umgang mit neu erworbenem Wissen vergleichbar mit dem über die letzten 150 Jahre kontinuierlich entwickelten Patentrecht gibt es nämlich (noch) nicht. Rechtlich verbindlich ist deshalb letztlich nur die vertragliche Regelung.

Zu Beginn der Zusammenarbeit muss auch klar definiert werden, wie die Zuordnung von Daten zu einem berechtigten Unternehmen erfolgen kann. Hierbei müssen die Partner allerdings beachten, dass solche vertraglichen Regelungen bei asymmetrischen Kräfteverteilungen die Geschäftsmodelle schwächerer Akteure wie etwa KMU gefährden und Wertschöpfungsketten sowie Systemgeschäftsmodelle letztlich infrage stellen können. Gerade wenn Unternehmen ganz unterschiedlicher Größen zusammenarbeiten, muss dieser Aspekt gleich zu Beginn geprüft werden.

Eine weitere Schlüsselrolle spielt das Kollaborationsmanagement, das an den gemeinsamen Zielen der Akteure ausgerichtet werden und dabei zu jedem Zeitpunkt die Einzelinteressen der Partner berücksichtigen muss: Seine essenzielle Hauptaufgabe besteht im Festlegen der Umsetzungspläne. Personelle Beziehungen und Kommunikationsformen spielen dabei eine wichtige Rolle, auch die regionale Nähe der Partner-Unternehmen kann sich als positiver Faktor auswirken.

Der Schlüssel zum Erfolg: der erweiterte digitale Zwilling

Noch ist unternehmensübergreifendes kollaboratives Engineering mit viel manuellem Initiierungs- und Koordinationsaufwand verbunden und die informationstechnischen Schnittstellen sind manchmal zu komplex, so dass der Mehrwert noch nicht vollständig wirksam wird. Deshalb kommt einer Erweiterung des Konzeptes vom digitalen Zwilling eine besondere Bedeutung zu: Er wird zukünftig auch wesentliche Aspekte jenseits der technischen Spezifikationen abbilden. Beispielsweise wird er die Simulation von Geschäftsmodellen ermöglichen, Informationen zur Urheberschaft und Expertise von Personen berücksichtigen, kollaborative Geschäfts- und Beteiligungsmodelle begründen sowie national geltende Bestimmungen und Gesetze berücksichtigen.

Die Aussichten für das unternehmensübergreifende kollaborative Engineering sind also exzellent!

Dr. Matthias Künzel, Dr. Tom Kraus, Sebastian Straub LL.M., Institut für Innovation und Technik der VDI/VDE Innovation + Technik GmbH; Begleitforschung des BMWi-Technologieprogramms PAiCE / ag

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