Fördertechnik im Einsatz bei Glashersteller

Mara Hofacker,

Schritt für Schritt zum automatisierten Materialfluss

Flaschen, Verpackungsglas, Sechskantglas, Terrinenglas, Sturzglas, Drahtbügelglas oder diverse Sondergläser: Mehr als 600 Glasformen führt das mittelständische Unternehmen Noelle + von Campe mit seinem Sitz im niedersächsischen Boffzen in seinem Sortiment. Und die Prognose in der Glasindustrie? Ein stetig wachsender Absatz. Eine zunehmende Größenordnung, die das 1866 gegründete Unternehmen erst kürzlich zur Erweiterung seines 2009 eröffneten Werks II bewegte.

Vierfachpalettenspender mit Leerpalettenmagazin zur Vorlagerung von Paletten. © HaRo

Seit mehr als 150 Jahren produziert Noelle + von Campe Glasverpackungen in allen denkbaren Größen und Formen, exportiert europaweit und hat sich damit bis heute als Einzelunternehmen behauptet. Das Familienunternehmen gilt auf dem Gebiet der Glasherstellung daher als das letzte verbliebene in der Region.

Bis zu zwei Millionen Glasverpackungen verlassen täglich die beiden Werke in Boffzen. Und die gute Glaskonjunktur wird anhalten, da ist man sich im Hause Noelle + von Campe sicher: „Angesichts der aktuellen Diskussion um Müll und Glasverpackungen erwarten wir weiterhin einen Glasboom“, heißt es aus dem Unternehmen. Doch nicht nur in Sachen Nachhaltigkeit geht das Familienunternehmen konsequente Wege, auch was Effizienz und Automatisierung im Bereich der Logistik angeht, setzt der Betrieb seither kontinuierlich auf technologischen Fortschritt: Bereits 1993, 2008 und 2014 stattete Noelle + von Campe seine Produktions- und Logistiklinien maßgeblich mit innovativer Fördertechnik aus und gestaltete bislang manuelle Abläufe damit voll automatisiert. Dabei setzte das Unternehmen seither auf die über 60-jährige Erfahrung des im sauerländischen Rüthen ansässigen Familienbetriebs HaRo Anlagen- und Fördertechnik: Seit 1957 umfasst der HaRo-Leistungskatalog die Realisierung komplexer Anwendungen durch effiziente Materialflusstechnik. Je nach Anforderungen werden dabei Standardkomponenten oder Sonderkonstruktionen eingesetzt, die eine kosteneffiziente und qualitativ hochwertige Lösung versprechen. Wertvolle Nutzenvorteile, von denen auch Noelle + von Campe bei einem neuen Projekt zu profitieren suchte: Für die Installation einer Durchfahrt für Gabelstapler sowie eines Dopplers als Ergänzung zur bereits bestehenden Anlage vertiefte das Unternehmen dabei die langjährige Geschäftsbeziehung zur HaRo-Gruppe.

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Rückblick: Basisanlagen 1993

Bereits 1992 konnte HaRo Noelle + von Campe als Neukunden mit zwei Aufträgen gewinnen. Dabei wurde zunächst der Auslauf der Produktion beinahe vollständig automatisiert: So installierte HaRo damals für fünf Produktionslinien Palettenspender-Anlagen für die Palettierung der Glasware. Sodann wurden die einzelnen Anlagen im Kellergeschoss per Gabelstapler mit Leerstapel versorgt. Vertikalförder transportierten den Stapel in das Erdgeschoss und eine motorische Schubgabel übergab eine vereinzelte Leerpalette an den Palettierplatz.

Im zweiten Projekt realisierte HaRo die Versandbereitstellung: Nach der Einschrumpfung und Etikettierung der Paletten wurden diese in den Kalthallenbereich des Versandes durch eine Klimaschleuse geführt, gescannt und via Datenaustausch in 6 parallele Zielspeicher-Strecken für die Speditionslogistik geordert.

Erweiterungen nach 1993 bis 2004

Stetig steigende Verkaufszahlen von Noelle + von Campe bedingten nur wenige Jahre später eine entsprechende Erweiterung im Maschinenpark. So wurden peu à peu zwei zusätzliche Produktionslinien installiert. HaRo lieferte dafür das entsprechende Equipment der Palettenspender-Anlagen und vergrößerte den Versandspeicher. Durch ständige Erhöhungen der Produkt-Qualitätskontrollen musste der Anlagenbereich des Einzelglastransportes wachsen. Die komplexe Aufgabe eines Versetzens aller von HaRo installierten Anlagen um rund 25 m wurde termintreu durchgeführt.

Ein Querverschiebewagen mit angetriebenen Rollenbahnen und Blockstaufunktion. © HaRo

2008: Basisanlagen Werk II 

Die Produktionsflächen waren derweil erschöpft, sodass Noelle + von Campe ein zweites Werk in etwa 700 m Entfernung vom alteingesessenen Standort realisierte. Auch hier baute das Familienunternehmen auf die bewährte HaRo-Technik: Analog den Anforderungen im Werk I wurden für fünf Produktionslinien Palettenspender-Anlagen und ein Versandbahnhof installiert; nach Stand der Technik mit zahlreichen Innovationen, wie Profibus-Architektur in der Steuerungstechnik, Siemens S7, grafische Bedienpanels für Wartungs- und Handbetrieb sowie Ethernet-Modems für Fernanalysen. Der Datenaustausch zum ERP-System wurde modernisiert. Auch die Mechanik wuchs mit den Aufgaben; besonders wurde auf Wartungsfreundlichkeit und Langlebigkeit geachtet. Funktional wurden zwei der fünf Palettenspender mit zusätzlichen Hüben ausgestattet. Diese ermöglichten eine vereinfachte Kontrollmöglichkeit der Mitarbeiter direkt an der Palettierung und gestalten diesen Arbeitsplatz ergonomisch.

2013: Erweiterungen im Werk I und II 

Mittlerweile war auch die Kapazität der Versandbahnhöfe im Werk I erschöpft. Im Werk II sollte im Versand eine komplette Nachtschicht-Produktion automatisch und zielgerecht gepuffert werden.

HaRo konzipierte im Werk I eine komplett neue Speicheranlage. Mittels Ablauf-Simulationen wurde eine optimale Lösung gefunden. Dazu wurde der vormalige Versandspeicher demontiert; per Zuführstrecke wurden die Paletten sodann direkt aus der Produktion über eine unterfahrbare Brücke in ein separates Kaltlagergebäude gefahren. Via Lift erreichte das Fördergut den neuen Speicherbahnhof. Zur Kapazitätserhöhung wurden bestimmte Waren gedoppelt, das heißt, nach vorheriger Ausrichtung positionstreu übereinandergestellt. Nach einer Barcode-Scannung erfolgte die automatische Verteilung in die Zielpuffer, wobei zur Maximierung der Nutzfläche auf den Transport-Lkws ein Teil der Paletten mittels Manipulator um 90° versetzt wird.

Nach Abfrage an das ERP-System wurde eine komplette Lkw-Ladung zusammengestellt und flächenverdichtet.
Weiterhin wurde das Kellergeschoss der Produktion für Bügelgläser mittels Lift und Fördertechnik an den neuen Speicher angebunden.

Im Werk II realisierte HaRo einen zusätzlichen Versandspeicher mit einer circa 100 m langen Zuführtechnik vom Bestandspeicher. So konnte eine komplette Nachtschicht-Produktion auf zehn parallelen Pufferlinien für den Versand bereitgestellt werden. Per Scanner erreichte die Ware die vom ERP-System vorbestimmte Zielstrecke. Ein Transferwagen verteilte die Ware mühelos und zuverlässig.

Ein Querverschiebewagen ordnet die unterschiedlichen Glaschargen ihrem richtigen Pufferplatz zu. © HaRo

2014: Außenlager 

Noelle + von Campe nutzt den Vorteil, schnell und flexibel – auch für große Auftragsvolumen – reagieren zu können. Hierfür sind eigene große überdachte Außenlagerflächen rund um die Produktionsstandorte vorhanden. Die interne Versorgung dieser Lager mittels automatisierter Lkws musste mit nachfolgender Fördertechnik optimiert werden. An zwei strategisch günstigen Abgabestellen setzte der Lkw die gesamte Ladung in einem Zuge auf ein Vorspeicherband. Doppelspurig wurden durch die HaRo-Anlagen die verdichteten Paletten voneinander getrennt und situationsbedingt via Eckumsetzer dem Gabelstapler zur staudrucklosen Entnahme zur Verfügung gestellt.

2018: Erweiterungen Werk II

Optimale Auslastungen der Fertigungslinien und erweiterte Produktvielfalt führten zur Aufrüstung von drei Palettenspender-Anlagen mit Zusatzhüben am Palettierplatz. Somit konnten auch hier die Ergonomie erhöht und Kontrollzeiten minimiert werden, sodass zusätzlich die Effizienz gesteigert wurde. 

2019: Erweiterungen Werk II 

Am Auslauf der Produktion im Werk II vergrößerte der neu installierte Paletten-Doppler die Kapazitäten der Versandbahnhöfe. Eine Gabelstaplerdurchfahrt in der Zuführstrecke zum zweiten Nachtschicht-Speicher ermöglichte den Zugang zum anschließenden Lagerbereich. Der Einsatz eines Hallentores trennte zwei Hygienebereiche. Für hohe Taktleistungen übernahm der Transferwagen in einem Zuge gleich fünf Paletten. Umfangreiche Personen- und Anlagenschutzmaßnahmen boten vollumfängliche Sicherheit. Schritt für Schritt gelang es Noelle + von Campe damit zur Automatisierung und Optimierung der inneren Materialflüsse.

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