Intelligente Logistik

Andreas Mühlbauer,

Interview: „Gewaltige Umbrüche“

Immer mehr Güter, Produkte und Waren müssen heute immer schneller an verschiedenste Orte gebracht werden, um dort zu genau bestimmten Zeiten und Mengen zur Verfügung zu stehen – im urbanen Umfeld ebenso wie auf dem Land oder in der Industrie. Ein immenser Aufwand, und das selbstverständlich zu einem möglichst niedrigen Preis. Dr. Christian Baur, CEO von Swisslog, erläutert im Gespräch mit Andreas Mühlbauer, was diese Entwicklung für die Logistik bedeutet.

Herr Dr. Baur, was hat sich in den vergangenen Jahren aufgrund der veränderten Randbedingungen wie individueller Produktion und im Zuge der Digitalisierung in der Logistikbranche bereits verändert?

Christian Baur, CEO von Swisslog: „Digitalisierung und KI sind essenzielle Bestandteile, um den Herausforderungen zu begegnen.“ © Swisslog

Die Logistik sieht sich gewaltigen Umbrüchen gegenüber. Neben der Digitalisierung verändern auch Urbanisierung, die fortschreitende Automatisierung sowie demographische Ströme die Welt. Die Folge ist eine immer stärkere Vernetzung aller Bereiche. Das bekommt auch die Logistik zu spüren. Der Warenfluss über alle Stationen hinweg bis zum Endkonsumenten ist als ganzheitlicher Prozess zu begreifen. Das ist nicht neu. Was sich allerdings verändert hat, sind die Anforderungen. Waren sind zu jedem Zeitpunkt und in jeder Verarbeitungsstufe Teil eines vernetzten Systems. Produkte beispielsweise, die Temperaturbestimmungen unterliegen, werden auf allen Stationen durch Software überwacht, um die produktgerechte Verarbeitung zu gewährleisten. Das ist nur ein einfaches Beispiel, die Tendenz ist jedoch erkennbar. Diese Anforderungen muss die Logistik erfüllen können. Individuelle Massenproduktion sorgt zusätzlich für eine Ausdifferenzierung in der Herstellung. Sowohl für die Intra- als auch für die Extralogistik bedeuten diese Entwicklungen einen Wandel von übergeordneten, starren Systemen hin zu modularen, flexiblen und softwaregesteuerten Lösungen.

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Sind die Anforderungen an die Logistik im urbanen und industriellen Umfeld vergleichbar oder gibt es grundlegende Unterschiede?

Gerade das industrielle Logistik-Umfeld ist durch robotergestützte Automations-Technologien geprägt. Und auch Software-Anwendungen haben große Relevanz. Hier sind die enge Vernetzung und Abstimmung aller logistischen Komponenten mit ihrem Umfeld wichtig.

Für die urbane Logistik spielt der rasant wachsende Privatkundensektor eine große Rolle. Bedingt durch die Digitalisierung und mit dem Aufstieg des E-Commerce hat sich das Paketaufkommen in den letzten Jahren stark erhöht. Laut einer Umfrage des Immobilienberaters Colliers International belief sich das Paketvolumen 2018 bereits auf 3,52 Milliarden Sendungen. Und wir sind hier noch nicht am Ende der Entwicklungen angelangt. Der Bundesverband der Paket- und Expresslogistik prognostiziert bis 2021 4,15 Milliarden Sendungen im Jahr. Das sind gewaltige Dimensionen. Die Anforderungen, die sich daraus für die Logistik ergeben, sind teilweise widersprüchlich: Einerseits erwarten Kunden Same-Day-Delivery zu einem günstigen Preis. Die Lieferzeit muss außerdem mit dem individuellen Alltag der Menschen kompatibel sein und darf nicht zu Lasten der Händler gehen. Andererseits dürfen Transporte die Umwelt nicht zu sehr belasten und Innenstädte sollen am besten frei von Lieferfahrzeugen sein. Die Logistik speziell im urbanen Umfeld muss diese Widersprüche durch kluge Konzepte lösen.

Wie lässt sich ein zunehmender logistischer Aufwand unter diesen Voraussetzungen umsetzen? Kann die Digitalisierung, insbesondere der Einsatz künstlicher Intelligenz, auch dabei helfen?

Die Digitalisierung und vor allem KI sind nicht nur Helfer, sondern essenzielle Bestandteile, um den Herausforderungen von Überlastung sowie steigender Nachfrage zu begegnen. Wir reden in diesem Zusammenhang aber nicht von Entwicklungen, die weit in der Zukunft liegen. KI-gesteuerte Maschinen kommen schon heute öfter zum Einsatz als vielleicht erwartet. Besonders im Bereich robotergesteuerter Prozessautomatisierung und fahrerloser Transportfahrzeuge gibt es Lösungen, die bereits einsatzfähig sind. Das heißt zwar nicht, dass KI zum jetzigen Zeitpunkt komplette Logistikprozesse übernehmen kann. Es gibt aber durchaus Bereiche, in denen Maschinen in Trainingsschleifen kontinuierlich weiterentwickelt werden.

Konkrete Lösungsszenarien entwickelt beispielsweise die Filiallogistik. Eine Möglichkeit ist der Einsatz von Robotern wie dem ItemPiQ. Dieser wird momentan bei der sich wiederholenden Stückzahlkommissionierung eingesetzt und verringert dabei den Fehlerquotienten gegenüber dem Menschen. Mit Hilfe eines intelligenten Vision-Systems und eines Multifunktionsgreifers kann er je nach Größe, Gewicht, Ware-zu-Roboter-System und Ablagemethode bis zu 1.000 Artikel mit einem maximalen Gewicht von 1,5 Kilogramm je Artikel kommissionieren. Das Vision- System ermittelt dabei die Greifpunkte auch an unbekannten Artikeln und vereinfacht so den Lernprozess der Maschine. Mit diesen Fähigkeiten kann ein Roboter die Arbeit in der Filiallogistik enorm erleichtern und effizienter gestalten. Er kann zum Beispiel bei der Regalbefüllung eingesetzt werden oder Ware vorsortieren.

Was wird sich bis in 10 oder gar 20 Jahren weiter verändern, wie wird die Logistik-Landschaft dann aussehen?

Die Urbanisierung schreitet immer weiter voran. Nach aktuellen Prognosen gibt es schon 2030 mehr als 40 Megacitys weltweit, also Ballungszentren mit mehr als 10 Millionen Einwohnern. Deshalb wird besonders die urbane Logistik immer mehr an Bedeutung gewinnen. Nicht nur die Versorgung muss gesichert sein, sondern Städte müssen auch lebenswert bleiben. Dafür braucht es smarte Lösungen, die schon genannte Widersprüche aufbrechen. Die optimale Umsetzung besteht meiner Ansicht nach aus einem aufeinander abgestimmten Mix aus Mobilität und stationären Einrichtungen. Weitere Faktoren sind neue unternehmerische Kooperationen und eine intelligente Software, die als Basis dient.

Eine konkreter Umsetzungsansatz ist der Einsatz unterirdischer Röhrensysteme, in denen Güter, ähnlich der Hyperloop-Idee, schnell von A nach B transportiert werden können. Es gibt bereits Unternehmen, die einsatzfähige Systeme in diesem Bereich anbieten. Auch denkbar und interessant sind selbststeuernde fahrerlose Transportfahrzeuge, die Waren selbstständig durch die vollen Straßen der Städte manövrieren. Sehr wahrscheinlich ist die Entwicklung hin zu großen Verteilerzentren an den Rändern von Großstädten, die sich Unternehmen mit ähnlichen Lagerbedingungen teilen. Dort können Unternehmen produzieren, lagern und versenden. Die passende Software steuert dabei den immer komplexer werdenden Warenfluss. Hier haben wir schon eine einsatzbereite Lösung entwickelt: SynQ.

Natürlich dürfen auch ländliche Regionen nicht vernachlässigt werden. In diesem Bereich werden Großtransportmittel wie Lkws oder Züge auch in Zukunft die Versorgung sichern. Ebenso ist der Einsatz von Drohnen zur Belieferung ein vorstellbares Szenario.

Was bedeutet das perspektivisch für Swisslog, inwieweit müssen Sie sich verändern?

Swisslog ist bereits auf dem richtigen Weg. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir uns nun ausruhen. Wir wollen uns kontinuierlich weiterentwickeln und als Treiber von smarten und innovativen Logistik-Lösungen die Herausforderungen der Zukunft angehen. Im Fokus stehen für uns dabei Flexibilität und softwaregestützte Entwicklungen. Unsere jahrelange Erfahrung im Bereich Data und Robotics Automation kommt uns dabei zu Gute.

Ein Beispiel für Entwicklungen von Swisslog ist unsere Software SynQ. Sie wird momentan vor allem für die intelligente Lagerverwaltung im Umfeld von Smart Warehouses eingesetzt. Sie kann jedoch ebenso dazu genutzt werden, in Zukunft den reibungslosen Warenfluss sowohl in außer- städtischen Verteilerzentren als auch in Micro-Hubs innerhalb von Städten sicherzustellen.

Darüber hinaus arbeiten wir gerade an einem Konzept für Micro-Fulfillment Center, den „Q-Tainern“. Dies sind Mini-Logistikcenter aus ausrangierten Schiffscontainern. Diese können an wichtigen Knotenpunkten in Städten positioniert werden und so die passende Infrastruktur für die Menschen in der Umgebung schaffen. Mit einem modularen Aufbau und unterschiedlichen Funktionen der einzelnen Bestandteile kann schnell ein Pop-up-Distribution-Center realisiert und auch beliebig erweitert werden. Damit orientieren wir uns an den Ansprüchen des Marktes.

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