Qualifizierte Berufstests

Andrea Gillhuber,

Mit MySkills gegen den Fachkräftemangel

Der Fachkräftemangel zwingt Unternehmen und Arbeitsagenturen zum Umdenken. „Ungelernte“ rücken in den Fokus. Der Berufstest MySkills gibt nun Aufschluss über deren Fähigkeiten: von Hilfsarbeiter bis Fachkraft.

MySkills-Tests geben Aufschluss über die Fähigkeiten ungelernter Arbeiter. © Shutterstock / ALPA PROD

Die Dringlichkeit des Fachkräftemangels ist immer auch mit der konjunkturellen Lage verbunden. In Zeiten von zweistelligen Wachstumsraten ist der Druck auf Unternehmen, Fachkräfte und Arbeiter zu finden und zu gewinnen, enorm hoch. In Zeiten von einer konjunkturellen Seitwärtsbewegung lässt diese Dringlichkeit in der Regel nach. Ganz verschwinden wird der Fachkräftemangel jedoch nicht, geht doch die Generation der Babyboomer in den nächsten Jahren in den Ruhestand. Dann verabschiedet sich nicht nur Know-how, sondern auch Arbeitskraft aus den Firmen.

Ein weiteres Problem für Unternehmen ist, dass sie ihre freien Ausbildungsstellen gar nicht besetzen können. Ihnen fehlt also der Nachwuchs. Wo aber finden die Industrie und auch andere Branchen geeignete Personen?

Berufstests zeigen Qualifikation abseits von Zeugnissen

Wer kennt sie nicht, die Menschen, die eine besondere handwerkliche Begabung, aber keine abgeschlossene Berufsausbildung haben. Übrigens erledigen heute schon 70 Prozent der sogenannten „Ungelernten“ Aufgaben und Standardtätigkeiten von Fachkräften. Sie verfügen über langjährige Erfahrung, können diese aber nicht über Ausbildungszeugnisse vorweisen. Ihre Fähigkeiten können sie in der Regel erst dann beweisen, wenn ein Unternehmen ihnen eine Chance zur Probearbeit gibt. Das trifft auf deutschsprachige Menschen ebenso zu wie beispielsweise auf Flüchtlinge.

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Hier setzt MySkills der Bertelsmann Stiftung an. In Zusammenarbeit mit der Agentur für Arbeit und weitern berufsbildenden Stellen wurde ein Testverfahren entwickelt, dass die beruflichen Fähigkeiten eines Menschen erfasst. Der Vorteil: Der ist in unterschiedliche Handlungsfelder aufgeteilt, die an der tatsächlichen beruflichen Praxis ebenso ausgerichtet sind, wie am aktuellen deutschen Ausbildungsstand. Der computergestützte und videobasierte Test wird in Jobcentern oder in der Agentur für Arbeit durchgeführt. Um die sprachlichen Barrieren zu überwinden, ist der Test bereits in verschiedenen Sprachen verfügbar: Deutsch, Englisch, Hocharabisch, Persisch/Farsi, Russisch und Türkisch. In rund vier Stunden stellt sich der Teilnehmer etwa 120 Fragen zu konkreten beruflichen Handlungssituationen.

Test Metalltechniker – hoher Schwierigkeitsgrad

Ein Beispiel: Für das Berufsbild Fachkraft Metalltechnik in der Fachrichtung Konstruktionstechnik wurde schon ein MySkills-Test erstellt. Hier werden in Bild, Video und Text konkrete Handlungsfelder abgefragt. „Die Testfragen wurden so zusammengestellt, dass man wirklich sehen kann, ob jemand praktische Berufserfahrung in den verschiedenen Handlungsfeldern hat oder nicht“, erläutert Frank Menge, leitender Ausbildungsmeister an der Fortbildungs-Akademie Reckenberg-Ems und MySkills-Testentwickler. „Das geht von der Herstellung von Bauteilen mit handgeführten Werkzeugen und Maschinen über das Drehen und Fräsen von Einzelteilen, das Montieren und Demontieren von Baugruppen und Metallkonstruktionen, das Umformen und Trennen von Blechen und Rohren bis hin zum Schweißen von Bauteilen und Baugruppen aller Art.“

Menge ist einer von vielen Vertretern der Innungen, Kammern, Ausbildungsmeister, Betriebsinhaber und Unternehmensvertreter aus Handwerk und Industrie, die an den konkreten Fragestellungen und Testanforderungen mitgearbeitet haben. Der Test für Metalltechniker und Metalltechnikerin Konstruktionstechnik ist in fünf berufliche Handlungsfelder aufgeteilt:

  • Bauteile mit handgeführten Werkzeugen und Maschinen herstellen
  • Einzelteile mit Werkzeugmaschinen drehen und fräsen
  • Baugruppen und Metallkonstruktionen montieren und demontieren
  • Bleche und Rohre umformen und trennen

Bauteile und Baugruppen schweißen

Übersicht des MySkills-Test Metalltechniker und Metalltechnikerin Fachrichtung Konstruktionstechnik. © Bertelsmann Stiftung

In jeder der Handlungsfelder kann der Teilnehmer maximal vier Punkte erreichen und so zeigen, zu welcher Mitarbeit er sich qualifiziert: Ein Punkt zeichnet ihn als angelernte Hilfskraft aus, zwei Punkte als erfahrener Helfer, drei als qualifizierte Arbeitskraft und vier Punkte stehen für Fachkraft.

Menge: „Wichtig ist, die Ergebnisse des Tests richtig zu interpretieren. Denn der Test ist schwer. Wenn jemand mit einem Testergebnis von zwei Punkten in einem Handlungsfeld kommt, dann können Arbeitgeber diesen Kandidaten unter Anleitung schon in diesem Gebiet einsetzen. Bei drei Punkten in einzelnen Handlungsfeldern ist da jemand, der wirklich etwas kann und direkt eigenständig einsetzbar ist. Für so jemanden ist der Weg zur Fachkraft nicht mehr weit. Vier Punkte erreicht nur ein Spitzen-Facharbeiter oder vielleicht ein Einserkandidat von der Berufsschule.“

Für Unternehmen ist MySkills eine Chance, Fachkräfte außerhalb der gesteckten Normen zu finden. „Für Arbeitgeber erhöht der MySkills-Test die Wahrscheinlichkeit, dass ein Bewerber bereits anschlussfähige Fähigkeiten in bestimmten Handlungsfeldern hat“, sagt Menge. „Jeder Arbeitgeber kann Zukunft auch gezielt bei der Arbeitsagentur oder dem Jobcenter nachfragen, wenn er jemanden mit bestimmten Fähigkeiten sucht. Dadurch hat er ein geringeres Investment bei der Arbeitnehmersuche, das Risiko einer Fehlbesetzung sinkt und er kann einsetzbare Talente finden, die er aufgrund der Sprachbarriere sonst nie gefunden hätte.“

Nachqualifizierung möglich

MySkills ersetzt nicht einen qualifizierten Abschluss, so viel ist sicher. Doch der Berufstest bietet Menschen oder Ausbildungsabschluss die Möglichkeit, über ihre Fähigkeiten eine Job zu finden. In der Regel stellen Unternehmen Anfragen nach Facharbeitern bei der Agentur für Arbeit. Diese führt die MySkills-Tests durch und schlägt den Unternehmen auf Basis der Test Arbeiter vor. Außerdem bekommen die Testteilnehmer selbst einen berufsspezifischen Testbogen mit ihren Ergebnissen ausgehändigt, mit dem sie sich selbst initiativ bei Unternehmen bewerben können.

Im Job selbst besteht dann die Chance der Weiterbildung. Die Nachqualifizierung in den Handlungsfeldern ist allerdings Sache der Unternehmen; die Agentur für Arbeit steht dabei jedoch auf Wunsch zur Seite. So können Testteilnehmer durch Weiterbildung unternehmensintern oder aber auch über IHK Prüfungen ablegen – bis hin zur Abschlussprüfung in den jeweiligen Berufen.

Erste Erfolgsgeschichten

Dass der Test funktioniert, hat sich in der Praxis bereits bewiesen. Erste verlässliche Zahlen erwarten die Initiatoren aber erst im nächsten Jahr. Doch Beispiele zeigen, dass MySkills ein Erfolg sind: MAN setzte im Rahmen der Integration von Flüchtlingen auf das Testverfahren und konnte so qualifizierte Fachkräfte gewinnen (siehe Videos unten)

Auch Frank Menge ist vom Erfolg der Tests überzeugt: „Leute, die etwas können, werden überall händeringend gesucht. Und MySkills zeigt sehr genau, was Menschen in einem Beruf können, auch wenn sie dafür kein Zertifikat haben.“

Werden Sie aktiv!

Sollten Sie sich für MySkills interessieren, empfehlen wir Ihnen die Seite der Arbeitsagentur: arbeitsagentur.de/myskills. Auf der Seite finden Sie Informationen rund um die Test, für welche Berufsgruppen die Tests schon zur Verfügung stehen und Anlaufstellen für Fragen und Wünsche. Sollten Sie für die von Ihnen benötigte Berufsgruppe nicht finden, können Sie auch selbst aktiv werden: Sprechen Sie die Verantwortlichen auf den fehlenden Test an oder schließen Sie sich zu mehreren Unternehmen zusammen und fordern Sie einen Test im benötigten Berufsfeld. Auf diese Weise wurde in der Vergangenheit die Entwicklung des ein oder anderen MySkills-Tests beschleunigt! Also: Werden Sie aktiv!

Weiterführende Links:

www.myskills.de

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