Interview mit Norbert Hauser, Kontron

Andrea Gillhuber,

Cloud Computing bietet produzierender Industrie Vorteile

Embedded Systeme sind mit eine der Schlüsseltechnologien für das Gelingen von Industrie 4.0. Wo die Boards schon heute in der Produktion zu finden sind und wie Embedded-Hersteller die produzierende Industrie auf dem Wer zur Smart Factory unterstützen können, erläutert Norbert Hauser von Kontron im Wortwechsel-Interview.

Norbert Hauser ist Vice President Marketing bei Kontron. © Kontron

Aufgrund der Übernahme durch S&T konnte auch Kontron seine Position im Bereich Industrial IoT und Industrie 4.0 weiter stärken. Was sind die stärksten Trends in diesem Bereich?

Im Bereich der Hardware ist es ganz klar der Trend zur Miniaturisierung bei wachsender Leistungsfähigkeit. Das ist, wenn man sich den aktuellen Stand des Embedded Computing ansieht, eine Herausforderung. Der Grund ist, dass immer mehr und immer anspruchsvollere Aufgaben mit steigender Zuverlässigkeit direkt am Embedded Board oder Modul der Maschine zum Beispiel in der Produktion erledigt werden sollen. Das gilt insbesondere für rechenintensive Anwendungen wie etwa bei der Künstlichen Intelligenz (KI), die viel Speicher und Rechenleistung an der Maschine benötigen.

Aber auch das Thema Internet of Things (IoT) wird vorangetrieben und bleibt ein Trendthema. Die Auswertung von Sensor- und Aktor-Daten findet in diesem Fall direkt vor Ort statt, also genau da, wo OT (Operational Technology) und IT (Information Technology) miteinander angrenzen. Leistungsstarke Embedded Computer sind die Basis für dieses Edge Computing und damit auch für die Einbindung von Cloud-Technologien in die industrielle Fertigung und Produktion.

Anzeige

Wenn Edge Computer ausreichend Performance und Speicher bieten, um geschäftskritische Aufgaben ohne Latenzen und Bandbreitenrisiko zu übernehmen, dann können weniger zeitkritische Funktionen ohne Beeinträchtigung der Maschinen in eine Embedded, Private, Public oder hybride Cloud ausgelagert werden. Dazu gehören zum Beispiel komplexe Analysen auf Basis historischer Maschinendaten. Das heißt, die Bedeutung von Cloud Computing wird für die produzierende Industrie immer wichtiger und bleibt in Zukunft ein starker Trend.

Deshalb muss die Datenübertragung per Funk, und das ist der vierte Technologietrend, immer schneller und immer besser werden. 5G kann neue Anwendungsszenarien zum Blühen bringen, die bisher aufgrund von mangelnder Verfügbarkeit und hohen Latenzen nicht denkbar waren. In den letzten beiden Jahren haben wir gesehen, dass TSN mit OPC UA das Zeug hat, auch in Fabrikhallen den Feldbus durch das Internet-Protokoll zu ersetzen, von der IT- bis hin zur Feldebene. Entsprechende, zertifizierte Produkte, auch von Kontron, sind auf dem Markt bereits verfügbar. Als nächstes werden wir sehen, wie TSN mit OPC UA auch über 5G eingesetzt werden kann und damit für die Industrie noch attraktiver wird.

In der Regel haben die produzierende Industrie und die Embedded-Welt kaum Berührungspunkte. Mit welcher Strategie erschließen Sie den Markt (Anm.: klassischer Maschinenbau, Werkzeugmaschinen, Produktion)?

Die Embedded-Produkte von Kontron tun in Maschinen überall auf der Welt unsichtbar, aber zuverlässig, ihren Dienst. Jede Maschine und jedes Gerät, das mit einem Embedded Computer von Kontron ausgestattet ist, ist damit auch IoT-fähig. In getrennten OT- und IT-Welten (Operational Technology und Informationstechnik) war diese Tatsache nicht interessant. Doch mit dem Zusammenwachsen von OT und IT durch Standards wie TSN und OPC UA, mit der Einbeziehung von IT-Technologien wie Cloud Computing und IT-Anwendungen wie Künstliche Intelligenz, hat Kontron nunmehr für viele Unternehmen eine Schlüsselrolle, wenn es um Industrie 4.0 und Smart Factory geht: Wir sind sozusagen die Vermittler zwischen der IT- und OT-Welt. Unsere Position bei den Automatisierern wurde damit gestärkt. Dieser Tatsache tragen wir mit dem IoT Software Framework SUSiEtec von Kontron Technologies, vormals S&T Technologies, Rechnung, das die softwareseitige Verbindung zwischen OT und IT, IT und Cloud, OT und KI ermöglicht.

Durch die digitale Transformation treffen mit OT (Operational Technology) und IT zwei sehr verschiedene Welten und Entwickler-Teams aufeinander. Wie gelingt es Ihnen, beide gewinnbringend zusammenzubringen?

Durch das Zusammenwachsen von IT und OT sowie das Vordringen von Internet-Technologien in die Fabriken, ist unser IT-seitiges Know-how zunehmend gefragt. Kontron, im Verbund mit der S&T Gruppe,  ist in der Lage, als Mittler zwischen den Welten der Maschinen und der Computer aufzutreten, da wir beide Seiten kennen und deren Anforderungen verstehen. Insbesondere durch das in SUSiEtec enthaltende Beratungsangebot bringen wir die Mitarbeiter der OT- und der IT-Seite zusammen und versuchen, gemeinsam Silos aufzubrechen und den Weg in die Smarte Fabrik zu ebnen. Dieser „Change“ erfordert nicht nur technologisches Know-how, sondern es müssen auch Mitarbeiter aus bisher getrennten Bereichen miteinander in Gespräch gebracht werden.

Single-Board-Computer wie Raspberry Pi haben längst den Weg aus der Bastler-Ecke in die Industrie geschafft. Inwiefern hilft Ihnen die Bekanntheit der Boards in der Produktion Fuß zu fassen?

Raspberry Pi (Rpi) ist mittlerweile tatsächlich auch in der Industrie angekommen. Kontron ist an der Popularität nicht ganz unschuldig, denn viele der Auszubildenden und Studenten, die wir unterstützen, benutzen für ihre Projekte Rpi als Plattform. Wenn die jungen Leute dann ins Berufsleben einsteigen, nutzen sie Rpi gerne für das Design von Prototypen. Damit kommen sie dann zu uns, um den Prototypen für die Serienfertigung vorzuschlagen.

Je nach Design können wir mittlerweile auch die Realisierung eines Industriecomputers auf Rpi anbieten, wenn die benötigten Spezifikationen das zulassen. Kontron hat extra für das Raspberry Pi Compute Module 3 ein Industrial Starter-Kit entwickelt. Das Starter Kit wurde zum Beispiel erfolgreich bei der Entwicklung der mobilen Messstation „Checkbox“ eingesetzt. Dabei handelt es sich um eine kleine, unter dem Krankenbett angebrachte Messstation, die berührungslos und laufend die Vitaldaten von Patienten im Krankenhaus überwacht und bei Abweichungen über bestimmte Grenzwerte das medizinische Personal alarmiert. Mit dem Einsatz des Rpi verkürzte Kontron die Entwicklungszeit vom Prototypen bis zur Marktreife deutlich.

In der industriellen Produktion werden im Zuge des Wandels zur „Smart Factory“ auch Produktionsanlagen an das Internet angebunden. Wie kann Kontron hier unterstützen?

Im Verbund mit der S&T Gruppe bietet Kontron nun ein umfassendes Portfolio an Software-Komponenten und Services an, die eine sichere Vernetzung auf Basis von SUSiEtec erlauben. Dies beinhaltet auch Embedded-, Private- und Public-Cloud-Einbindungen sowie Hosting. Das IoT Software Framework SUSiEtec dient dabei als Bindeglied für sichere Verbindungen zwischen Geräten untereinander bis in die Cloud. Vom Sensor bzw. Aktor über den Edge Computer bis hin zur entsprechenden Cloud verknüpft SUSiEtec die jeweilige IoT-Infrastruktur für die individuellen Anforderungen wie Puzzleteile zu einem Gesamtgebilde.

Kontron, als Anbieter von industriellen Embedded/IoT-Modulen, Boards und Systemen einschließlich der zukunftsweisenden offenen Standards TSN und OPC UA, steht für die deterministische und sichere Kommunikation von der Cloud über das Edge bis zur Feldebene.

Hardware ist längst nicht mehr alles. Welche Rolle spielen Software und IT-Dienstleistungen in der Strategie von S&T/Kontron?

Kontron geht es hier wie vielen Unternehmen, die bisher nur Produkte angeboten haben: Das Produkt allein reicht nicht mehr, die Software und die Services darum herum machen den Unterschied aus. Zu unserem Verständnis gehört dazu auch eine Offenheit gegenüber Hardware von Fremdherstellern, so dass unsere Kunden das IoT Software Framework SUSiEtec mit Plug-ins z.B. für KI, SCADA, Protokolle, etc. nicht nur mit Boards und Modulen von Kontron einsetzen können. Gleiches gilt auch, wenn der Kunde neue, digitalisierte Geschäftsmodelle einführen will, etwa auf Basis von Pay-per-Use. Mit der CodeMeter® Technologie von unserem Partner Wibu Systems bieten wir unsere Boards mit einem speziellen Chip an, mit dem sie zum Beispiel Lizenzen oder Funktionen für einen Testzeitraum oder gegen zusätzliche Bezahlung freischalten können.  

Entwickelt sich Software zum Alleinstellungsmerkmal? Wenn ja, warum?

Es ist zwar viel die Rede davon, dass Hardware, auch Embedded Hardware, quasi ein austauschbares Allerweltsprodukt, also Commodity, geworden ist. Das stimmt jedoch nur teilweise. Weiterhin spielen Qualität und Support noch eine wichtige Rolle. Insbesondere, wenn Embedded Komponenten in lebenswichtigen oder kritischen Produkten, beispielsweise in der Medizintechnik oder in Personenzügen eingesetzt werden. Wichtige Zertifizierungen müssen erreicht und nationale und internationale Standards eingehalten werden. Das gilt vor allem in punkto Ausfallsicherheit, aber auch für Service & Support und den Produkt-Lebenszyklus. Die beste Software nutzt nichts, wenn die Hardware, auf der sie laufen soll, nicht den Anforderungen entsprechend funktioniert.

In Zeiten von Open-Source-Entwicklung und Entwicklungs-Communities für Apps – wie lässt sich da mit Software noch Geld verdienen?

Die Idee, einfach aus der Community eine fertige Software „zu ziehen“, sie ein wenig anzupassen und fertig ist die individuelle Lösung, ist leider in der Praxis nicht umsetzbar. Das fängt schon damit an, dass die Frage des geistigen Eigentums bei Community-Projekten oft unklar ist bzw. Unternehmen die Pflicht hätten, eigene Weiterentwicklungen wieder als Open Source zu veröffentlichen. Ansonsten setzt man sich einerseits unvorhersehbaren Risiken aus, wenn etwa doch ein Entwickler Rechte einklagt, andererseits lassen sich eigene Entwicklungen nicht mehr schützen.

Unternehmen, die ihren Kunden kommerziell Software anbieten, stehen natürlich auch für die Qualität ihrer Produkte ein. Im Fall von Open-Source-Software aber müssten sie den Community-Code mühsam prüfen, um auszuschließen, dass er Fehler enthält, die womöglich den korrekten Betrieb einer Maschine beeinflussen. Gleichzeitig müssten sie Support und Weiterentwicklung für eine Software sicherstellen, die nicht aus ihrem Hause stammt und deren Source Code wiederum unter Umständen als Open Source anbieten.

Das alles sind Gründe, warum es sich in den meisten Fällen lohnt, Software selbst zu entwickeln und, in unserem Fall, gemeinsam mit der Hardware anzubieten.

Umgekehrt gibt es bestimmte Standard-Software als Open Source wie Linux-Derivate als Betriebssystem oder andere Frameworks, die wir als Bestandteile unserer Hardware bzw. für Software-Lösungen wie für KI oder Cloud-Integrationen einsetzen. Beim Betriebssystem bieten wir Kunden oft die Wahl, ob sie beispielsweise das kommerzielle Windows 10 IoT, Embedded oder ein freies Linux-System einsetzen wollen.

Insofern ist dieses breite Leistungsspektrum ein Beispiel für den Wandel der Geschäftsmodelle hin zu mehr Kundenorientierung: Der Erfolg und damit die Zukunft von Kontron liegt in dem kombinierten Angebot aus Hard- und Software mit ergänzenden Services ganz nach den Bedürfnissen des Kunden.

Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeige
Anzeige
Anzeige

Cloud Monitor 2017

Nutzung von Cloud Computing boomt

Die Cloud-Nutzung in der Wirtschaft boomt: Zwei von drei Unternehmen (65 Prozent) haben in Deutschland im Jahr 2016 Cloud Computing eingesetzt. Eine deutliche Mehrheit der Anwender hält Unternehmensdaten in der Cloud für sicher, heiß es im „Cloud...

mehr...
Anzeige

ERP-Software

Neun Fragen vor dem Start in die Cloud

Wie eine Untersuchung des Marktforschungsunternehmens Techconsult zeigt, nimmt das Interesse im deutschen Mittelstand an ERP-Lösungen aus der Cloud weiter zu. Doch vor dem Start in die ERP-Cloud sind einige Punkte zu beachten. Der...

mehr...

Outsourcing vs.Cloud

Den idealen Mix für die IT finden

Der jüngste Cloud-Monitor, erstellt von Bitkom Research im Auftrag der KPMG AG, sagt, dass im Jahr 2015 erstmals eine Mehrheit der Unternehmen in Deutschland Cloud Computing einsetzt. Das klassische Outsourcing hat damit aber nicht ausgedient.

mehr...
Anzeige
Anzeige
Anzeige

Outsourcing vs.Cloud

Den idealen Mix für die IT finden

Der jüngste Cloud-Monitor, erstellt von Bitkom Research im Auftrag der KPMG AG, sagt, dass im Jahr 2015 erstmals eine Mehrheit der Unternehmen in Deutschland Cloud Computing einsetzt. Das klassische Outsourcing (aus dem Rechenzentrum, RZ) hat damit...

mehr...

Newsletter bestellen

Immer auf dem Laufenden mit dem SCOPE Newsletter

Aktuelle Unternehmensnachrichten, Produktnews und Innovationen kostenfrei in Ihrer Mailbox.

AGB und Datenschutz gelesen und bestätigt.
Zur Startseite