Barrierefreiheit in der Industrie

Andreas Mühlbauer,

Augen auf bei der Produktion

Barrierefreiheit hört nicht bei ebenerdigen Einfamilienhäusern auf, sie findet sich auch in der Fertigung wieder – schon bald wird sie sogar verpflichtend. Die Industrie muss jetzt handeln, um Mitarbeiter zu binden und Produkte marktfähig zu machen.

Der 2025 in Kraft tretende European Accessibility Act (EAA) verpflichtet alle Wirtschaftsakteure in Europa zu mehr Barrierefreiheit. © rangizzz/Shutterstock.com

Wie das kleine Äffchen als Emoticon auf unseren Smartphones: Nichts sehen , nichts hören, nicht sprechen. Was viele von uns spielerisch in Nachrichten einbinden, ist für Millionen von Menschen in Deutschland Realität. Laut der Gesundheitsberichterstattung des Bundes haben 14 Millionen Menschen zwischen 18 und 65 hierzulande Sehschädigungen und weitere 14 Millionen leiden unter einer Beeinträchtigung des Gehörs. Bei kognitiven Schäden kommen Sprachbarrieren hinzu. Mit zunehmendem Alter steigen die Zahlen weiter an.

Im Alltag sind diese Einschränkungen bereits schwer zu meistern, am Arbeitsplatz wird es nahezu unmöglich, produktiv und effizient zu sein. Das bedeutet, Millionen Menschen werden mitunter der Möglichkeit beraubt, ihre Expertise in Unternehmen einzubringen, da mangelhaft ausgestattete Arbeitsplätze und Produkte ihre Einschränkungen unberücksichtigt lassen.

Inklusion fängt im Unternehmen an

Dabei wäre es ganz im Sinne der Corporate Responsibility und für die Gewinnung neuer Fachkräfte sehr förderlich, Arbeitsplätze barrierefrei auszustatten. Laut Sozialgesetzbuch IX, Paragraph 81 ist darüber hinaus jeder Arbeitgeber verpflichtet barrierefreie IT zur Verfügung zu stellen. Aber was genau bedeutet eigentlich barrierefreie IT und ein barrierefreier Arbeitsplatz?

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Viele Menschen mit Rückenproblemen kennen sicherlich ergonomische Stühle und höhenverstellbare Schreibtische. Schon diese kleinen Anschaffungen sind der erste Schritt in Richtung mehr Barrierefreiheit. Etwas umfassender angelegte, ergonomische Arbeitsplatzsysteme gehen noch auf weitere Einschränkungen der Nutzer ein. Rollstuhlfahrer oder Menschen, die Schwierigkeiten beim Sitzen oder Gehen haben, können sich meist nur schwer beugen und strecken. So haben sie Probleme beim Erreichen von Gegenständen, die mehr als eine Armlänge entfernt sind. Dieses Problem lässt sich beispielsweise mit mehrachsigen Schwenkarmen an den Arbeitsplätzen der beeinträchtigten Personen beheben. Das Hilfsgerät lässt sich einfach bedienen und vergrößert den Greifraum. So können Menschen mit Behinderung genauso produktiv arbeiten wie ihre Kollegen ohne Beeinträchtigung. Durch diese Systeme wird der Rücken während des Arbeitens auch nicht zu stark belastet und haltungsbedingte Gesundheitsschäden entstehen seltener.

Weiter geht es mit der Umgestaltung der digitalen Anwendungen. Menschen mit Sehbeeinträchtigungen profitieren von hohen Kontrasten, gut lesbaren Schriftgrößen und von Informationen, die nicht nur durch Farbe vermittelt werden. Was nützen ein grüner und ein roter Knopf zum Betätigen einer Maschine, wenn der Anwender eine Rot-Grün-Schwäche hat? Blinde Menschen benötigen noch weitere Hilfsmittel. Neben der Hardware wie Screenreader oder einer Braillezeile – einem Gerät, das Zeichen in Blindenschrift übersetzt – muss auch die Software entsprechend konzipiert sein. Beispielsweise sollte es möglich sein, Anwendungen per Tastatur steuern zu können oder es sollte alternative Texte geben, die Grafiken erklären. Motorische Einschränkungen wie ein Tremor oder Arthritis verlangen neben der Tastaturbedienung nach großzügigen Touch- und Klickflächen sowie generell nach Produkten mit großen Tasten. Untertitelte Videos sind ein Segen für Hörgeschädigte und eine kurze, klare sowie einfache Sprache hilft bei kognitiven Störungen. Diese Liste ließe sich noch weiterführen, aber es wird deutlich: Eigentlich sind die notwendigen Maßnahmen nicht besonders aufwendig – zumindest dann, wenn sie von Anfang an bei der Entwicklung berücksichtigt werden.

Bis 2025: Der European Accessibility Act verlangt barrierefreie Produkte und Dienstleistungen

Auch für die Politik wird es immer relevanter, dass inkludierende Maßnahmen nicht nur nach innen an den Arbeitsplätzen stattfinden, sondern sich auch nach außen in entsprechenden Produkten widerspiegeln. Die seit September 2019 gültige Richtlinie EU-2016/2102 besagt bereits, dass öffentliche Stellen wie Krankenkassen und Sozialversicherungsträger barrierefreie Anwendungen bereitstellen müssen. Jetzt wird es aber auch für Unternehmen in der Industrie ernst – denn nun kommt der European Accessibility Act (EAA). Alle Wirtschaftsakteure Europas sind damit zu mehr Barrierefreiheit verpflichtet. Im Grunde genommen ist der EAA eine konsequente Weiterführung nutzerzentrierter Modelle zur Entwicklung von Produkten und Dienstleistungen. Es ist kein Geheimnis, dass der Erfolg von Geschäftsmodellen von der Akzeptanz der Nutzer und Kunden abhängt. Deswegen werden sie immer stärker bereits während der Entwicklung einbezogen, um am Ende ein sinnvolles Produkt oder eine Dienstleitung zu haben, die den Anforderungen der Käufer gerecht wird. Nur bezog sich das bisher leider nicht auf die Anforderungen aller Käufer, sondern nur derjenigen, die mit keinerlei körperlichen oder geistigen Einschränkungen zu kämpfen haben. Die Millionen von Menschen aus der obigen Statistik blieben bisher unberücksichtigt. Das soll sich nun ändern.

Bis 2022 soll die EU-Richtlinie in deutsches Recht überführt werden, und bis 2025 müssen alle Einführer, Händler und Hersteller von Produkten sowie Dienstleister barrierefrei sein. Nur Kleinstunternehmen mit weniger als zehn Mitarbeitern sind davon ausgenommen. Die Industrie erhält also keinen Freifahrtschein und die Liste der zukünftig zwingend barrierefreien Produkte ist, wenn auch noch ausbaufähig, doch sehr lang. Verbraucherendgeräte für die Kommunikation und audiovisuelle Medien, E-Book-Leser, Hardware und Betriebssysteme für Universalrechner, Selbstbedienungsterminals wie Geldautomaten oder Check-in-Automaten am Flughafen, Personenbeförderungsdienste, elektronische Kommunikationsdienste, Online-Handel, Websites und Apps bilden nur einen Ausschnitt. Dabei müssen nicht nur die Produkte selbst, sondern auch alle zugehörigen Informationen wie Handbücher und Support-Seiten barrierefrei sein. Einige Unternehmen machen dies bereits vor. Zeit, dass alle anderen nachziehen!

Ohne Kennzeichnung kein Verkauf

Wer sich zu lange zurücklehnt, wird nämlich zukünftig ernsthafte Schwierigkeiten bekommen, die eigenen Produkte überhaupt auf den Markt zu bringen. Für jedes Produkt müssen ab 2025 eine EU-Konformitätserklärung und eine CE-Kennzeichnung vorliegen. Nur wer die Kennzeichnung erhält, zeigt, dass er die Barrierefreiheitsanforderungen nachweislich erfüllt. Wer die Anforderungen nicht erfüllt, muss damit rechnen, dass die zuständigen Behörden Produkte nur noch eingeschränkt bereitstellen oder sogar vollständig vom nationalen und europäischen Markt nehmen.

Damit ist der European Accessibility Act eine wunderbare Gelegenheit. In den kommenden Jahren müssen sich Unternehmen ohnehin mit dem Thema Barrierefreiheit auseinandersetzen, um weiterhin marktfähig zu bleiben. Das können sie nutzen, um gleichzeitig die Inklusion nach innen voranzutreiben und die Arbeitsplätze sowie Anwendungen auf die Bedürfnisse aller Mitarbeiter auszurichten.

André Meixner, Leiter User Experience & Barrierefreiheit, T-Systems Multimedia Solutions

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